Plantagenschlepper P 312 Kaffeezug

Leidenschaft kennt keine Grenzen – Teil 1 (Autor Heinz Buchta) 

 

Ein Porsche in einer brasilianischen Kaffeeplantage? Ja, ein Porsche-Plantagenschlepper, wie sie von 1948 bis 1954 in einer Stückzahl von lediglich 200 in Friedrichshafen-Manzell für die Kaffeeernte produziert worden sind. Drei oder vier davon gibt es noch auf der Welt. Einer ist an den Bodensee zurückgekehrt.

Die Zeit, als im heutigen MTU-Werk 2 von 1250 Mitarbeitern Traktoren gebaut wurden und Hunderte leuchtende rote Schlepper auf dem Werksgelände auf ihren Abtransport warteten, ist nur noch Wenigen präsent. Dabei war das damals „die gleiche Euphorie wie beim ersten Luftschiff-Start“, stellt Egon Wegmann von den „Allgaier-Porsche-Diesel-Freunden Bodensee“ fest. Heute stehen auf dem Werksgelände MTU-Motoren für große Schiffe, Yachten und Fähren, um für ihren weltweiten Einsatz abgeholt zu werden. An die Hochzeit der Allgaier-Porsche-Diesel-Traktoren am Bodensee erinnern sich fast nur noch ehemalige Beschäftigte.

 

Schlepper statt Cabrio

Tatsächlich produzierten in den 50er und 60er Jahren hier die Firmen Allgaier und später Porsche-Diesel rund 120 000 Schlepper in einem hochmodernen Werk, wie sich Egon Wegmann, Hubert Ehinger und Werner Brugger von den „Allgaier-Porsche-Diesel-Freunden“ erinnern, die sich eines immer größeren Zulaufs erfreuen und die Porsche-Diesel-Geschichte am Leben erhalten. Jeder von ihnen nennt mindestens einen auf Hochglanz gewienerten, voll funktionsfähigen und zugelassenen Porsche-Diesel sein eigen. Jetzt im Frühjahr werden die Raritäten bei schönem Wetter zur Sonntagsausfahrt hervorgeholt. Was anderen ihr Cabrio ist ihnen ihr Schlepper.

Egon Wegmann lernte in der Lehrwerkstatt von Porsche-Diesel und war anschließend in der Versuchsabteilung tätig. Unter den produzierten Schleppern befand sich eine Sonderkonstruktion unter der Bezeichnung P 312, der „Plantagenschlepper“, basierend auf einem Volksschlepper mit der Bezeichnung AP 17, wie er bereits 1937 von Ferdinand Porsche konstruiert wurde, in den Kriegswirren aber wieder in den Schubladen verschwand und dann doch durch die Firma Allgaier gebaut wurde und ein Verkaufshit werden sollte. Der Plantagenschlepper sollte den Markt in Übersee, vor allem im fernen Brasilien erobern.

Unter extremen Bedingungen wurde der „Kaffeezug“, wie er auch genannt wurde, in den Jahren 1948/52 in Brasilien erprobt. Zum Schutz der empfindlichen Kaffeepflanzen hatte man dem P 312 eine stromlinienförmige Verkleidung verpasst. Um das Wurzelwerk des Unkrauts zwischen den Pflanzen unschädlich zu machen, wurde bei den Rotenburger Metallwerken (RMW) in Schweinfurt eine 3-Punkt-Anbau-Bodenfräse Typ AW 8 „Ackerwolf“ entwickelt, die an der genormten Dreipunkt-Aufhängung der Hydraulik angebaut war und von der Zapfwelle angetrieben wurde. Ausgestattet war der Plantagenschlepper mit einem 30 PS starken Zweizylinder Benzinmotor, einem Benzinmotor deshalb, um die Kaffeebohnen nicht durch Dieselgeruch zu beeinträchtigen! Insgesamt sollten 1000 dieser Schlepper gebaut und damit der Markt in Südamerika gewonnen werden. Doch es kam anders. Vor allem Zahlungsschwierigkeiten ließen den Auftrag platzen. Die gelieferten 200 Plantagenschlepper verschwanden, unbezahlt, auf Nimmerwiedersehen. 1954 ließ Allgaier seine Brasilienaktivitäten einschlafen.

 

Auf einer Reise nach Brasilien entdeckte vor zwei Jahren ausgerechnet der Vorsitzende der „Interessengemeinschaft „Allgaier-Porsche-Diesel-Freunden Bodensee“, Heniz Buchta aus Markdorf, einen der noch drei oder vier auf der Welt verbliebenen Plantagenschlepper. 18 Monate kämpfte er mit der Bürokratie, das Fahrzeug, für das es keine Papiere gab, nach Deutschland zurückholen zu dürfen, schließlich und endlich erfolgreich.

„Solch' ein Exemplar ist nach all den Jahren kein zweites Mal zu finden“, jubelt Buchta nach einer ersten Inspektion, denn zum Vorschein kam ein Schlepper P 312 „in einem für sein Alter fantastischen, unverbastelten, nahezu vollständig erhaltenen Zustand“. Zwar drehte der Motor nicht, war die Kurbelwelle blockiert, nagte der Kolbenfresser an beiden Kolben, waren Motor und beide Zylinder voll Wasser und im Inneren des Benzintanks hatte sich ein Sand-Erde-Gemisch zu einer Art Gips ausgebildet. Vermutlich hatte dieser Schlepper noch nie einen Ölwechsel erlebt.

 

Doch das alles ist Vergangenheit. Jetzt läuft er wieder, ist technisch top, fahrbereit und zugelassen. Die Verkleidung hat Heniz Buchta bewusst belassen, wie er sie angetroffen hat: mit Spuren von 54 Jahren Regen und Sonnenschein Südamerikas.

 

Heinz Buchta